Sensibilisierung auf
Konsumentenebene
Auf
Konsumentenebene muss gezielt sensibilisiert werden. Durch
Kampagnen soll den Konsumierenden beigebracht werden, dass Zucker
nicht an einem bestimmten Datum verdirbt. Durch Kampagnen werden
Konsumierende ermutigt, ihren eigenen Sinnen wieder zu vertrauen und
mehr Selbstverantwortung zu übernehmen. Mit
gezielter Öffentlichkeitsarbeit ist es durchaus realistisch, dass
die Gruppe mit der grössten Lebensmittelverschwendung – die
Konsumierenden – zu einer Kehrtwende fähig ist. Die Schweizer
Bevölkerung hat es nämlich auch geschafft, Europäisches Vorbild im
Rezyklieren zu werden. Das ist nur durch starke Kampagnen und
koordinierte staatliche Aktionen möglich gewesen.
Eine Verbesserung ist aber
nicht nur auf Konsumentenebene nötig. Auch auf den vorgelagerten
Stufen der Nahrungsmittelkette führt das Mindesthaltbarkeitsdatum zu
unnötigen Verlusten. Obwohl Mindesthaltbarkeitsdaten oft als
hilfreich betrachtet werden, weil Transport und Verkauf darauf
abgestimmt werden können, bergen sie gesetzliche Risiken, die keine
Firma eingehen will. Darum werden Lebensmittel vernichtet, sobald sie
dieses Datum überschreiten. Die Produzenten legen nämlich die
Mindesthaltbarkeitsdauer meist so fest, dass sie vor Ablauf des
Datums hochwertigste Qualitätseigenschaften garantieren können, die
weit über die Ansprüche der Lebensmittelsicherheit hinausgehen. Ist
das Datum aber überschritten, so trägt der Handel plötzlich die
Haftung für das ganze Produkt, also auch für die Aspekte der
Lebensmittelsicherheit. Weil sogar Grosshändler diese Haftung nicht
übernehmen wollen, ist es bequemer, die Lebensmittel zu vernichten,
als sie an Bedürftige zu spenden.
Im Handel geht man
sogar davon aus, dass es illegal ist,
„abgelaufene“ Produkte zu verkaufen oder gar zu verschenken. Wenn
der Lebensmittelinspektor im Laden vorbeikommt und nur ein einziges
abgelaufenes Joghurt im Regal findet, so wird in seinem Bericht
protokolliert „abgelaufene Joghurts“. Wiederholte Vorfälle kann
er nicht tolerieren. Doch ist das ein Gesetz?
Mindesthaltbarkeitsdaten
nach wissenschaftlichen Kriterien festlegen
Wenn die
Gesetzgebung Mindesthaltbarkeitsdaten reguliert, so müsste unsere
Regierung wohl auch daran beteiligt sein, die
Mindesthaltbarkeitsdaten nach wissenschaftlichen Kriterien
festzulegen. Davon sind wir aber
weit entfernt. Es obliegt der Industrie, wie lange sie die
Haltbarkeiten festlegen möchte.
Gewisse Produzenten legen sogar kürzere Haltbarkeitszeiten für die
Schweiz als für das Ausland fest. Ist es, weil wir höhere
Qualitätsanforderungen haben als die Konsumierenden anderer Länder?
Weil wir Schweizer mehr Geld haben und es uns leisten können, mehr
wegzuwerfen? Wollen vielleicht Produzenten aktiv mehr Verluste
provozieren, um mehr Ware absetzen zu können? Sicher altert ein
Produkt nicht rascher in der Schweiz als in Deutschland!
Staatliche Anreize,
Besteuerung und gesetzliche Haftung
Wie können wir den
Handel und die Produzenten dazu bringen, ihre überschüssigen und
„abgelaufenen“ Lebensmittel mehr an Bedürftige zu spenden oder
gratis wegzugeben? Bestimmt braucht es ein grundsätzliches Umdenken
weg von reinem Profitdenken. Vielleicht braucht es auch staatliche
Anreize für Spenden oder eine
Besteuerung von Nahrungsmittelabfällen.
Letztere würde auch eine transparentere und effizientere Produktion
fördern. Ein anderer wichtiger Schritt wäre eine Änderung der
Haftungsgesetze.
Firmen sollten weniger stark haftbar gemacht werden können, ohne
dass die Lebensmittelsicherheit aufs Spiel gesetzt wird. In
den U.S.A. gibt es seit 1996 ein Gesetz, welches Firmen schützt,
wenn sie Lebensmittel spenden möchten im guten Glauben, dass die
Produkte noch gut und sicher sind. Der Bill Emerson Good Samaritan Food Donation Act
schützt Privatpersonen, Firmen und NGOs. So eine Gesetzgebung könnte
auch in der Schweiz viele Lebensmittel vor der Vernichtung bewahren.
Firmen hätten weniger Angst vor einer allfälligen Klage wegen einem
gespendeten Joghurt, das beim Konsumierenden Bauchweh bereitet haben
soll, und würden folglich ihre leicht abgelaufenen Joghurts
problemlos spenden.
Spätestens wenn alle
Ausreden von uns Konsumierenden, Produzenten und Händlern widerlegt
worden sind, werden wir lernen, sorgsam und pflichtbewusst mit
unseren Lebensmitteln umzugehen.
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