Tuesday, December 27, 2011

Mindesthaltbarkeit führt zu unnötigen Lebensmittelabfällen

Wenn überhaupt in den Medien die Mindesthaltbarkeit von Lebensmitteln ein Thema ist, so geht es meist nur um die Frage “Was bedeutet das Wort „mindesthaltbar“? Viele kommen zum Schluss, dass keine Änderung der Terminologie nötig sei, weil „mindesthaltbar“ korrekterweise bedeute, dass Lebensmittel mindestens bis zum aufgedruckten Datum haltbar wären. Und damit haben sie auch Recht. Die Problematik des Mindesthaltbarkeitsdatums darf nicht auf eine sprachliche Ebene reduziert werden. Das verbreitete Argument jedoch, dass gut die Hälfte der Bevölkerung nicht verstehe, was mit Mindesthaltbarkeit gemeint sei, stimmt wahrscheinlich. Um dieses Unwissen zu korrigieren, braucht es allerdings eher Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen, als eine Änderung der Terminologie, die im schlimmsten Fall sogar noch mehr Verwirrung verursacht. Dazu braucht es Zeit, Geld und gut organisierte Anstrengungen. Nur wenn von Anfang klar ist, was wir ändern müssen, damit das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht mehr so viele Abfälle verursacht, können wir gezielt handeln.

Sensibilisierung auf Konsumentenebene

Auf Konsumentenebene muss gezielt sensibilisiert werden. Durch Kampagnen soll den Konsumierenden beigebracht werden, dass Zucker nicht an einem bestimmten Datum verdirbt. Durch Kampagnen werden Konsumierende ermutigt, ihren eigenen Sinnen wieder zu vertrauen und mehr Selbstverantwortung zu übernehmen. Mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit ist es durchaus realistisch, dass die Gruppe mit der grössten Lebensmittelverschwendung – die Konsumierenden – zu einer Kehrtwende fähig ist. Die Schweizer Bevölkerung hat es nämlich auch geschafft, Europäisches Vorbild im Rezyklieren zu werden. Das ist nur durch starke Kampagnen und koordinierte staatliche Aktionen möglich gewesen.

Eine Verbesserung ist aber nicht nur auf Konsumentenebene nötig. Auch auf den vorgelagerten Stufen der Nahrungsmittelkette führt das Mindesthaltbarkeitsdatum zu unnötigen Verlusten. Obwohl Mindesthaltbarkeitsdaten oft als hilfreich betrachtet werden, weil Transport und Verkauf darauf abgestimmt werden können, bergen sie gesetzliche Risiken, die keine Firma eingehen will. Darum werden Lebensmittel vernichtet, sobald sie dieses Datum überschreiten. Die Produzenten legen nämlich die Mindesthaltbarkeitsdauer meist so fest, dass sie vor Ablauf des Datums hochwertigste Qualitätseigenschaften garantieren können, die weit über die Ansprüche der Lebensmittelsicherheit hinausgehen. Ist das Datum aber überschritten, so trägt der Handel plötzlich die Haftung für das ganze Produkt, also auch für die Aspekte der Lebensmittelsicherheit. Weil sogar Grosshändler diese Haftung nicht übernehmen wollen, ist es bequemer, die Lebensmittel zu vernichten, als sie an Bedürftige zu spenden.

Im Handel geht man sogar davon aus, dass es illegal ist, „abgelaufene“ Produkte zu verkaufen oder gar zu verschenken. Wenn der Lebensmittelinspektor im Laden vorbeikommt und nur ein einziges abgelaufenes Joghurt im Regal findet, so wird in seinem Bericht protokolliert „abgelaufene Joghurts“. Wiederholte Vorfälle kann er nicht tolerieren. Doch ist das ein Gesetz?

Mindesthaltbarkeitsdaten nach wissenschaftlichen Kriterien festlegen

Wenn die Gesetzgebung Mindesthaltbarkeitsdaten reguliert, so müsste unsere Regierung wohl auch daran beteiligt sein, die Mindesthaltbarkeitsdaten nach wissenschaftlichen Kriterien festzulegen. Davon sind wir aber weit entfernt. Es obliegt der Industrie, wie lange sie die Haltbarkeiten festlegen möchte. Gewisse Produzenten legen sogar kürzere Haltbarkeitszeiten für die Schweiz als für das Ausland fest. Ist es, weil wir höhere Qualitätsanforderungen haben als die Konsumierenden anderer Länder? Weil wir Schweizer mehr Geld haben und es uns leisten können, mehr wegzuwerfen? Wollen vielleicht Produzenten aktiv mehr Verluste provozieren, um mehr Ware absetzen zu können? Sicher altert ein Produkt nicht rascher in der Schweiz als in Deutschland!

Staatliche Anreize, Besteuerung und gesetzliche Haftung

Wie können wir den Handel und die Produzenten dazu bringen, ihre überschüssigen und „abgelaufenen“ Lebensmittel mehr an Bedürftige zu spenden oder gratis wegzugeben? Bestimmt braucht es ein grundsätzliches Umdenken weg von reinem Profitdenken. Vielleicht braucht es auch staatliche Anreize für Spenden oder eine Besteuerung von Nahrungsmittelabfällen. Letztere würde auch eine transparentere und effizientere Produktion fördern. Ein anderer wichtiger Schritt wäre eine Änderung der Haftungsgesetze. Firmen sollten weniger stark haftbar gemacht werden können, ohne dass die Lebensmittelsicherheit aufs Spiel gesetzt wird. In den U.S.A. gibt es seit 1996 ein Gesetz, welches Firmen schützt, wenn sie Lebensmittel spenden möchten im guten Glauben, dass die Produkte noch gut und sicher sind. Der Bill Emerson Good Samaritan Food Donation Act schützt Privatpersonen, Firmen und NGOs. So eine Gesetzgebung könnte auch in der Schweiz viele Lebensmittel vor der Vernichtung bewahren. Firmen hätten weniger Angst vor einer allfälligen Klage wegen einem gespendeten Joghurt, das beim Konsumierenden Bauchweh bereitet haben soll, und würden folglich ihre leicht abgelaufenen Joghurts problemlos spenden.

Spätestens wenn alle Ausreden von uns Konsumierenden, Produzenten und Händlern widerlegt worden sind, werden wir lernen, sorgsam und pflichtbewusst mit unseren Lebensmitteln umzugehen.  

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